Mit einem konkreten Vorschlag für einen stufenweisen Wiedereinstieg in den Sportbetrieb haben sich die Sportbünde in Rheinland-Pfalz, mit dem Landessportbund an der Spitze als politischer Interessenvertreter, jetzt an die Landespolitik gewendet. Unter dem Begriff „Corona Sportampel RLP“ zeigen die Sportbünde in einem Eckpunktepapier auf, wie ein an das jeweilige Infektionsgeschehen angepasster Sportbetrieb aussehen könnte.
„Der organisierte Sport in Rheinland-Pfalz trägt die mit dem Lockdown verbundenen Einschränkungen solidarisch mit“, sagt LSB-Präsident Wolfgang Bärnwick. „Der Landessportbund, die Sportbünde und unsere Sportvereine unterstützen auch künftig die Anstrengungen zur Kontrolle der Corona-Pandemie. Wir stellen keine unrealistischen Forderungen bezüglich des Zeitpunkts der Lockerungen. Wir sind aber überzeugt, dass es jetzt mit Blick auf die nächste Runde der Kanzlerin mit den Ministerpräsident*innen langfristiger Planungen und mittelfristiger Perspektiven bedarf, an denen sich die rund 6.000 rheinland-pfälzischen Vereine orientieren können.“ Bärnwick kritisiert, dass die positiven gesellschaftlichen und gesundheitsfördernden Wirkungen des Sports im Verein in den politischen Corona-Diskussionen auf Bundesebene bisher nicht ausreichend gewürdigt wurden. „Der Sport muss auf Bundes- und dann auch auf Landesebene wieder stärker in den Blickwinkel der Politik rücken, ihm muss zeitnah eine Öffnungsperspektive aufgezeigt werden, denn wir sind weiterhin davon überzeugt, dass der Sport in besonderer Weise zur Bewältigung der gesundheitlichen – psychischen und physischen – und sozialen Folgen der Pandemie beitragen kann und damit Teil der Lösung ist und der Bewältigung der Folgen der Corona-Pandemie dienen wird“, heißt es in der Vorbemerkung zum Stufenplan des LSB. Dieser wird in der kommenden Woche – auch unter Berücksichtigung der Beschlusslage der Sportministerkonferenz, deren Vorsitz aktuell der rheinland-pfälzische Sportminister Lewentz innehat, in einer AG mit Vertretern des organisierten Sports (LSB, Sportbünde, Fachverbände und Vereine) und des Innenministeriums besprochen und anschließend veröffentlicht.

Neben der derzeit notwendigen Öffnungsperspektive bereiten dem LSB der Bewegungsmangel bei Kindern und Jugendlichen sowie der Mitgliederrückgang große Sorgen. Dies sei insbesondere im Kinder- und Jugendbereich der Fall. „Kinder leiden besonders unter der Pandemie und dem damit einhergehenden Bewegungsmangel. Um die Langzeitfolgen abzumildern, sollte die Politik daher eine prioritäre Öffnung des Kinder- und Jugendsports in Betracht ziehen“, so Bärnwick.

Rheinland-Pfalz weit wird der Mitgliederrückgang im Vergleich zu vor einem Jahr bei rund 3,5 Prozent (weitere Details siehe im Verlauf der Pressemeldung) liegen, bei Kindern und Jugendlichen ist er je nach Altersstufe mit teilweise bis zu 15 Prozent (zum Beispiel bei den unter Sechsjährigen) noch deutlich gravierender. „Der Bewegungsmangel gerade bei Kindern und Jugendlichen hat durch die erhöhte Bildschirmzeit aufgrund des coronabedingten digitalen Distanzunterrichts noch einmal zugenommen. Deswegen ist es gerade für Kinder und Jugendliche immens wichtig, dass der Sportbetrieb so schnell als möglich mit Augenmaß wieder anläuft, um sie wieder für Sport und Bewegung zu begeistern“, erklärt Bärnwick.

In seinem Papier regen der LSB und die Sportbünde ein einheitliches Vorgehen in Sportvereinen, Schulen und Kitas an – in gleicher Weise, wie Kitas und Schulen wieder geöffnet werden, sollte dies auch für den Kinder- und Jugendsport im Verein erfolgen. Ansonsten sieht die Corona-Sportampel des LSB vier Stufen vor. Ausgehend von der derzeitigen Stufe Rot (Sport nur alleine, zu zweit oder mit dem eigenen Hausstand) könnte der Weg über Training in festen kleineren Gruppen und Sport in größeren Gruppen bis hin zu Training und Wettkampf ohne Kontakt- und Gruppengrößenbeschränkungen führen.

„Vereinssport findet unter Anleitung, mit festen Regeln und in definierten Gruppen statt. Ergänzt durch umfangreiche Hygienekonzepte, die sie bereits 2020 erarbeitet, erprobt und inzwischen weiterentwickelt haben, agieren unsere Vereine sehr verantwortungsbewusst“, erklärt Bärnwick. An die Politik richtet der LSB die Bitte, die Erfahrungen der Sportvereine und -organisationen aus dem Jahr 2020 ernst zu nehmen und bei der Fortschreibung der rheinland-pfälzischen Corona-Bekämpfungsverordnung zu berücksichtigen. Auch Ungleichheiten zwischen vereinseigenen und kommunalen Sportstätten gelte es zu vermeiden. So empfiehlt der LSB in seinem Eckpunktepapier etwa eine „abgestimmte Vorgehensweise zwischen Landesregierung, Landessportbund und kommunalen Spitzenverbänden“ zur einheitlichen Öffnung von Sportanlagen.

 

Erste Zahlen zur Mitgliederstatistik zeigen teils besorgniserregende Entwicklungen
„Auch wenn die Bestandserhebungen der rund 6.000 Sportvereine noch nicht vollständig vorliegen – die Rücklaufquote liegt aktuell bei gut 90 Prozent – gehen wir landesweit von einem Mitgliederrückgang von rund 3,5 Prozent aus“, so Christof Palm, kommissarischer Hauptgeschäftsführer des LSB. „Mit Blick darauf, dass der Vereinssport in den vergangenen Monaten über lange Zeit nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich war, danken wir einer überwältigenden Mehrheit der Sporttreibenden in Rheinland-Pfalz, dass sie ihren Vereinen treu geblieben sind“, so Palm. Konkret bedeutet dies, dass Ende 2020 rund 45.000 bis 50.000 Mitglieder weniger in rheinland-pfälzischen Sportvereinen Mitglied waren als ein Jahr zuvor. Es verlieren gute 60 Prozent der Vereine, 10 Prozent bleiben gleich und knappe 30 Prozent gewinnen Mitglieder hinzu. Die Vereinsgröße spielt eine entscheidende Rolle: Während kleinere Vereine (bis 100 Mitglieder) im Schnitt 0,5 Prozent verlieren (das entspricht in etwa der Entwicklung der Vorjahre), kann man sagen: je größer der Verein, desto größer der prozentuale Verlust. Die Großvereine (über 1000 Mitglieder) sind mit 6 Prozent im Schnitt, in Einzelfällen auch bis zu 15 Prozent Verlust, dabei.

Zu den Vereinen mit den höchsten Rückgängen zählen auch solche, die sehr intensiv in der Jugendarbeit tätig sind. Normalerweise profitieren sie stark davon, dass Jugendliche nachkommen. Das funktioniert aktuell nicht, weil der Vereinsbetrieb ruht. Dadurch ist der normale Vereinsfluss – Austritte und Eintritte gleichen sich in etwa aus – unterbrochen. Das gleiche gilt für Vereine, die in der Vergangenheit in größerem Umfang Mitglieder über Kurssysteme gewinnen konnten. Ohne Angebote fehlen die Eintritte bzw. wird schneller ausgetreten als bei Vereinen, die sich im Wesentlichen über Mannschaftssport (hier ist die Mitgliederbindung deutlich größer) definieren.

Es ist deutlich zu erkennen, dass sich die Fachverbände bzw. Sportarten, die auch während des Lockdowns lange Zeit möglich waren – da überwiegend im Freien und als Individualsport durchführbar – am positivsten bzw. am wenigsten schlecht entwickelt haben. Zu nennen sind hier Sportarten wie Tennis, Golf, Radsport oder Luftsport. Signifikant schlechter sieht es indes bei Ski, DRLG, Schwimmsport, Fußball und Handball (jeweils in den ganz jungen Jahrgängen) oder auch in der Leichtathletik aus.

Auffällig ist, dass der Großteil des Mitgliederrückgangs im Altersbereich von 0 bis 18 Jahren zu verzeichnen ist. „Hier gehen wir von einem Anteil rund 50 Prozent am gesamten Mitgliederverlust aus“, betont Christof Palm. „Die Zahlen zeigen bereits jetzt ein besorgniserregendes Bild, hier müssen wir mit einer Mitgliedergewinnungskampagne ansetzen, Vereine und Familien unterstützen, dass die Kinder und Jugendlichen wieder schnell den Weg in die Sportvereine finden.“ Die niedrigen Zahlen resultieren insbesondere auch auf geringeren Neueintritten, so etwa bei den 0-6-Jährigen. Hier zeigt sich der prozentual größte Rückgang mit rund -15 Prozent. Neben den 0-6-Jährigen zeigen sich die größten Rückgänge in den Altersklassen der 7-14-Jährigen (ca. -5 Prozent) und der 41-60-Jährigen (ca. -4 Prozent). Signifikant abweichend vom allgemeinen Trend ist die Entwicklung der Mitgliederzahlen bei der Gruppe der Ü60: „Hier könnte es am Ende auf eine ´Nullnummer´ hinauslaufen, also sich Eintritte und Austritte die Waage halten“, sagt Palm.

Auch regional gibt es Unterschiede: Regionen, die eher ländlich geprägt sind und einen niedrigeren Organisationsgrad aufweisen, verlieren prozentual weniger als größere Städte, ganz nach dem Motto: wer weniger hat, hat auch nicht so viel zu verlieren…