| Ein Beitrag von Lina Sprenger |

Wir leben in einer Zeit, die für uns alle Veränderung bedeutet. Der Alltag ist geprägt von Begrenzungen und Regeln, die Freizeitgestaltung bietet wenig Spielräume. Im wahrsten Sinne des Wortes. Welche Bedeutung das Spielen und das Finden geeigneter Räume dafür hat, erleben Familien aktuell in besonderem Maße. Schön ist sicherlich, dass auch die am weitesten hinten in den Schränken verborgenen Gesellschaftsspiele wieder Verwendung gefunden haben. Die klassische Spielesammlung würde in der virtuellen Welt vermutlich viele neue Likes erhalten. Dennoch gibt es Herausforderungen all überall. Wurden Kinder im Sommer während des Lockdowns bereits mit vielen Änderungen und Einschränkungen konfrontiert, so hat der November mit dem ihm eigenen Wetter weitere Herausforderungen mitgebracht. Die Sportvereine sind zu, der Garten/ Hof/ Park/ Spielplatz weit unattraktiver als im Sommer und Verabredungen mit Freunden sind nicht oder nur sehr eingeschränkt erlaubt.
Die Bundes Psychotherapeutenkammer schreibt in ihrem Bericht „Corona-Pandemie und psychische Erkrankungen“ vom August diesen Jahres, dass Kinder und Jugendliche in der ersten Lockdown Phase durch die Schließung von Kitas, Schulen, Spielplätzen und Sportvereinen schwer belastet waren. Das Spiel in den Wohnungen sei nicht zu vergleichen mit den Kontakt- und Bewegungsmöglichkeiten auf Spielplätzen und in Sportvereinen (1).
Nun sind zwar Schulen und Kitas aktuell noch weitestgehend geöffnet, wohin aber trägt das Kind, das aus der Schule kommt, wo vermutlich kein regulärer Sportunterricht stattgefunden hat und der Pausenhof auf wenige Quadratmeter zusammengeschrumpft ist, oder das Kitakind, das vielleicht nur eingeschränkt die Räumlichkeiten und das Gelände seiner Einrichtung nutzen durfte, nun also seinen Bewegungsdrang? Genau. Ins heimische Wohnzimmer, wo Eltern versuchen neben Home Office, Haushalt und Kinderbetreuung, an einem der unzähligen Online-Bewegungsangebote teilzunehmen, um nicht jetzt schon in die weihnachtliche Mastträgheit zu verfallen.

Laut des BPtK-Berichts sind „Nähe und Aufmerksamkeit der Eltern der wichtigste stabilisierende Faktor für Kinder und Jugendliche in der Ausnahmesituation der Pandemie. Als Vorbild können sie ihnen entscheidend helfen, die große Verunsicherung zu bewältigen, die der grundlegend andere Alltag auslöst.“
Doch genau diese Eltern sind eben auch bereits maximal gefordert, haben neben der teilweise schwierigeren Bewältigung des Alltags, mit durch die Pandemie verursachten Sorgen und emotionalen Herausforderungen zu tun.

Laut einer aktuellen Untersuchung des Allensbach-Instituts leiden die 30- bis 59-Jährigen, also die „Generation Mitte“ – zu der eben die Eltern überwiegend gehören, die sich mit der aktuellen Familiensituation auseinandersetzen müssen, ihren eigenen Weg durch die Krise finden und den ihrer Kinder begleiten und gestalten – „unter einem starken Stimmungseinbruch. Trotz der Hoffnung auf einen Impfstoff stellen sich rund 70 Prozent auf einen längeren Ausnahmezustand ein – und sehen diese Unsicherheit als die derzeit stärkste Belastung an. 50 Prozent halten Einschränkungen wie Besuchsverbote für das größte Problem. 43 Prozent haben Angst davor, dass Kitas und Schulen bald wieder schließen müssen.“ (2)

Aus der Public-Health-Forschung wissen wir, dass der Gesundheitszustand der Bevölkerung von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst wird, die sich den drei Gruppen: soziale Faktoren, wie z.B. Arbeitsbedingungen oder Wohnverhältnisse, personale Faktoren, wie z.B. körperliche und psychische Konstitution, sowie Gesundheitsverhalten wie z.B. Essgewohnheiten, körperliche Aktivität und Spannungsregulation zuordnen lassen und dass diese Einflussfaktoren sich gegenseitig bedingen( 3).

Die Frage wie all denen geholfen werden kann, die unter den, durch Corona verursachten Stimmungstiefs leiden, lässt sich sicher nicht so einfach beantworten. Klar ist jedoch, dass sich die bio-psycho-soziale Gesundheit durch Bewegung, möglichst abwechslungsreich, In- wie Outdoor, verbessern lässt (4). Und wenn die sozialen Kontakte dann im Wesentlichen innerhalb der Familie stattfinden, dann kann dieses Miteinander vielleicht umso mehr durch abwechslungsreiche Bewegungseinheiten gestaltet werden.

So ist es vielleicht an einem Tag wichtig als Elternteil mal allein durch den Wald zu stapfen, die gute Luft zu spüren, die Natur wahrzunehmen, den Kopf frei zu kriegen, die „Familienlast“ abzulaufen. Ein anderes Mal ist es vielleicht umso wertvoller mit den Kindern oder anderen Familienmitgliedern gemeinsam rauszugehen und aus der frischen Luft und der Umgebung ein kleines Erlebnis zu machen.
Welch zentrale Rolle die Gesundheit in der heutigen Zeit spielt hat uns nicht erst die COVID-19 Pandemie verdeutlicht. Dass Sport und Bewegung aus präventiver Perspektive gemeinsam mit gesunder Ernährung den größten Einfluss haben ist unbestritten (5).

Im November diesen Jahres hat die World Health Organisation (WHO) dies zum Anlass genommen in ihrer neusten Veröffentlichung (6) die Empfehlungen zu einem gesundheitsfördernden und erhaltenden Sport- und Bewegungsverhalten zu aktualisieren und noch weiter zu spezifizieren und differenzieren.
Wichtig dabei ist, dass es bei den Bewegungsempfehlungen eben nicht um Sport sondern die Integration von körperlicher Aktivität in den Alltag meint (mit dem Rad zu Arbeit oder Schule, ein wohltuender Spaziergang im Wald oder auch die Treppen statt den Aufzug nehmen).
Kindern und Jugendlichen werden 60 Minuten Bewegung jeden Tag, sowie an drei Tagen die Woche intensive Aktivität als Minimum empfohlen. Spannend ist in diesem Zusammenhang, dass auch die sitzende Bildschirmzeit am Handy limitiert werden soll – getreu des Mottos Sitzen ist das neue Rauchen. Digital Detox lässt grüßen.
Auch für die Erwachsenen bieten die aktualisierten Empfehlungen einige Neuerungen, so werden zusätzlich zu den empfohlenen 150-300 Minuten Bewegung auch eine moderate Aktivität von 75-100 Minuten pro Woche empfohlen. Dass an mindestens zwei Tagen pro Woche Kräftigungsübungen in den Alltag einfließen sollten, ist hierbei eine wichtige und sinnvolle Erweiterung.
Laut WHO führt die Einhaltung dieser Empfehlungen zu einer Verringerung der Gesamtmortalität, Mortalität durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Senkung von Bluthochdruck, Vermeidung diverser Krebserkrankungen sowie Typ-2-Diabetes und zu einer Verbesserung der psychischen Gesundheit (verminderte Symptome von Angst und Depression), der kognitiven Gesundheit und des Schlafs und auch das Adipositas Risiko wird verringert.

Soweit zu den Empfehlungen – aber wie lässt sich das in Lockdown Phasen mit einem Familienleben mit Kindern in Kaiserslautern denn nur halbwegs realistisch verwirklichen?
Schnell ist man wieder bei den Online-Angeboten, die zahlreich aus dem Boden geschossen sind, natürlich mit bester Idee und Intention der engagierten Sport- und Bewegungsanbieter. Zum Glück kann man in dieser Hinsicht sagen, erleben wir die Pandemie in einer Zeit dieses technischen Standards und lernen diverse Online- und Streaming-Tools nun intensiv kennen und schätzen. Dennoch bleibt die Qual der Wahl. Im Dschungel der Angebote und Möglichkeiten das Richtige zu finden ist ähnlich schwer wie vor Corona die Suche nach dem geeigneten Fitnessstudio oder dem Ankommen in einem Sportverein: man muss ausprobieren, testen, sich beraten lassen, Empfehlungen folgen und das Ganze für sich selbst und für die Kinder. Dafür braucht man Zeit und Muße. Nur weil ein riesiges Online-Programm existiert und die Teilnahmemodalitäten vielleicht niedrigschwellig sind, lässt es sich noch lange nicht so einfach integrieren in einen Alltag, dem viele Routinen fehlen und indem man sich ständig wieder finden muss. Als Einzelperson und auch als Familie. Wer braucht jetzt gerade was? Wie kann man die viele Zeit miteinander sinnvoll, also füreinander nutzen?

Wir sind uns alle einig, dass es aktuell nicht gerade einfach ist die Familienzeit optimal zu gestalten. So bleibt es vielleicht sinnvoll, bei allen individuellen Emotionen und Bedürfnissen immer mal wieder einen sachlich sortierten Blick auf die Angebotsvielfalt zu werfen und die infrage kommenden Angebote in den neuen, oder Interims-Alltagsplan zu integrieren.
Gleichzeitig ist sicherlich immer wieder Kreativität gefragt, Räume neu und anders zu nutzen und Dinge auszuprobieren. Bewegung indoor muss vielleicht nicht immer wild und laut sein. Eine Runde Kinderyoga, ein Balanceparcours durchs Kinderzimmer, Würfelspiele mit Bewegungsaufgaben verbinden… hier dürfen nun alle mal kreativ werden.

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Speziell Yoga, eh schon voll im Trend, ist in diesen Zeiten ein wunderbar nutzbarer Energielieferant. Auf Kinder wie Erwachsene hat Yoga eine beruhigende, ausgleichende Wirkung. Schon kurze Einheiten, die mal zwischen geschoben werden können, lassen Spannung abfallen, intensive Praxiseinheiten fordern einen körperlich und führen zu einem optimalen gesundheitsorientierten Kraftausdauertraining und ein langes abendliches Yin-Yoga lässt Ruhe einkehren und Sorgen aus dem Fokus nehmen. Online-Yoga spart einen Fahrtweg ist aktuell meist erschwinglich zu erwerben und man braucht zu Hause nur wenig Platz und Hilfsmittel. Dennoch kann auch hier weniger mehr sein. In der Flut der digitalen Offerten sollte man auch hier beim Fokus auf die konkreten eigenen Bedürfnisse bleiben und nicht jede „Verrenkung“ mitmachen (z.B. über Online-Lievestream-Yogaangebote oder die Kinderyoga-App (7)).

Außer Haus kommen wir mangels Indoor-Sportangebot in Hallen und Anlagen diesen Winter vielleicht alle etwas mehr an die Luft. Der Pfälzer Wald kennt kein Corona – hier darf nun getobt werden: laufen, radeln, rollern, das kann nun gemeinsam neu entdeckt, gestaltet und ausgebaut werden. Vielleicht lässt sich auch hier ein Hindernisparcours errichten, der den Kindern spielerisch ein Training der so wichtigen koordinativen Fähigkeiten verschaffen würde (8) und welcher um diverse Bewegungsaufgaben erweitert werden könnte: mit welchem Hilfsmittel schafft man welche Strecke in welcher Zeit?, Verstecken für Jung und Alt und weil es so früh dunkel wird: vielleicht mal mit Stirn- oder Taschenlampe losstapfen, und schon gibt’s „Nachtwanderung“ für die Kleinen bereits um 18 Uhr.
Wir sollten und dürfen uns, der familiären Gesundheit zuliebe, die Laune nicht verderben lassen und könnten daher vielleicht verstärkt auf das Blicken was geht, anstatt auf das was nicht geht. In und um Kaiserslautern gibt es durch die Vielzahl an Natur-Räumen, sowie die Unterstützung von Institutionen wie der Uni (UNISPORT) und des Sportbund Pfalz sowie vieler weiterer Sport- und Bewegungsanbieter mehr als genug Möglichkeiten für ausreichend geeignete Bewegung zu sorgen.

So auch die Empfehlung des oben bereits zitierten BPtK-Berichts:
„Bleiben Sie in Bewegung: Egal was, egal ob Yoga oder Kraftsport – fordern sie sich körperlich. Sanft, pulsstark oder ausdauernd. Das entspannt, körperlich und seelisch. Gehen Sie, wenn möglich, raus. Jeder Abendspaziergang um den Block ist nützlich“


Dazu hier 10 Praxistipps mit denen es spielend klappt die Empfehlungen von WHO und BPtK zu erfüllen und somit Laune, Gesundheit und die familieninterne Atmosphäre zu verbessern:

  1. Nutzen sie das Biosphären Reservat Pfälzer Wald Nordvogesen zu einem Waldbad, wenn den Kids das zu langweilig ist, helfen die vielen Türme und Burgen der Pfalz oder der Wildpark die Langeweile zu beseitigen.
  2. Nutzen sie den Wald als Naturspielplatz und Bewegungsraum: von Hindernisparcouren, Versteckspielen, oder Training mit Anpassung an jedes Alter (z.B. Eltern und Jugendliche joggen, Kinder fahren Fahrrad, die Kleinsten sind im Kinderwagen).
  3. Der Autoschlüssel kann gerade bei den kurzen Wegen in Kaiserslautern auch mal hängengelassen werden und durch das Radl ersetzt werden. Falls man keins besitzt bieten die vielen Nextbike Stationen Abhilfe.
  4. Für die Kinder ist der Schulweg eine einfache Möglichkeit Bewegung in den Alltag zu bringen, ggf. auch in den der Erwachsenen, wenn man die Kleinen begleitet.
  5. Diverse Institutionen bieten Mittlerweile Online Kurse an, von moderater Bewegung bis zu intensivem Training kann hier beispielweise das Online-Kursangebot des UNIFIT genutzt werden (9).
  6. Campusletics ist, wenn es die aktuellen Verordnungen zulassen, ein idealer Weg auch Kräftigungsübungen zu absolvieren und dies, dank den Videotutorials, sogar mit fachkompetenter Einführung (10).
  7. Diverse Videos zu Gymnastik und Krafttraining in der Wissensdatenbank des Sportbund Pfalz geben gut erklärte Bewegungsanleitungen für Jung und Alt (11).
  8. Parkour und Calisthenics sind gerade in Urbanen Gefilden nach wie vor hoch im Kurs, ein paar Youtube-Videos hierzu motivieren ungemein. Für kleinere Kinder kann Ähnliches als Bewegungsrally rund ums Haus durchgeführt werden.
  9. Bewegungseinheiten bei Gesellschaftsspielen: wer eh zusammen am Tisch sitzt kann bspw. „Mensch ärgere Dich nicht“ zu einem Bewegungsspiel machen (Bei jeder 1 auf einem Bein um den Tisch hüpfen, bei jeder 3 3x Hampelmann,…hier sind den Ideen keine Grenzen gesetzt).
  10. Yoga für Alle. Dank der vielen Onlineangebote können die vielseitigen Wirkungsweisen des Yoga für Alle genutzt werden. Kinderyoga kann sowohl zur Beschäftigung der Kids dienen, kann aber auch gemeinsam mit der ganzen Familie durchgeführt werden. Erwachsene sollten sich vielleicht auch mal Ruheräume schaffen, um Yoga fernab des Familiengewusels zu praktizieren (12).

Quellennachweise:

(1) https://www.bptk.de/wp-content/uploads/2020/08/2020-08-17_BPtK-Hintergrund_Corona-Pandemie-und-psychische-Erkrankungen.pdf
(2) https://www.tagesspiegel.de/politik/jeder-zweite-fuehlt-sich-heute-schlechter-coronakrise-schlaegt-der-generation-mitte-kraeftig-aufs-gemuet/26679388.html?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE
(3) https://www.npk-info.de/fileadmin/user_upload/ueber_die_npk/downloads/2_praeventionsbericht/NPK-Praeventionsbericht_Kurzfassung_Barrierefrei.pdf
(4) https://kluedo.ub.uni-kl.de/frontdoor/index/index/docId/5724 & https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-06803-5_3
(5) https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Praevention/Broschueren/Bewegungsempfehlungen_BZgA-Fachheft_3.pdf
(6) WHO guidelines on physical activity and sedentary behaviour. (https://www.who.int/publications/i/item/9789240015128)
(7) https://www.online-kinderyoga.de/
(8) http://www.sport.kit.edu/MoMo/downloads/Ergebnisse%20zur%20Koordination.pdf
(9) https://www2.hochschulsport.uni-kl.de/Kursanmeldung
(10) https://www.campusplus.uni-kl.de/angebote/campusletics/
(11) https://sportbundpfalz.sharepoint.com/sites/public/Homepage
(12) www.unifit.uni-kl.de, www.yoga-lina.com/, www.online-kinderyoga.de